Ihr seid blind – ein Interview mit Hermann Scherer – Teil 2

Sie bleiben dabei, dass wir unfähig sind Chancen zu entdecken?

 

Ja, größtenteils schon – weil wir es gar nicht lernen. Unser Schulsystem hat – nicht nur diesbezüglich – versagt. Immer wieder liest man Berichte darüber wie viele Deutsche in Armut leben. Ich will weder die Schicksale, noch die tragischen Umstände leugnen, dennoch stelle ich mir die Frage, ist es nicht machbar, dennoch etwas zu tun? Mir ist nicht ganz klar, warum Menschen so oft glauben, dass nichts geht. Ich habe bisher alle meine Firmen mit maximal 2.500 € gegründet. Ich komme nicht aus behütetem Elternhaus mit Sondervorteilen, sondern habe meine ersten fünf Mark als

Gläsereinsammler in einer Diskothek verdient und wäre erst später zum Gläserabwäscher befördert worden. Was lässt Menschen in Hartz IV, Frust und Langeweile verharren, statt sogar zum Millionär zu werden? Welches Gen ist dafür verantwortlich, dass wir Menschen eine innerliche Handbremse haben?

 

 

Ich bewundere immer den jungen Mann vor dem IKEA in Eching. Er passt die Leute zwischen Ausgang und Parkdeck ab und bietet ihnen freundlich an, ihnen beim Tragen zu helfen. Ausgerüstet ist er mit Verpackungsmaterialien, Schnüren und Messer. Damit hilft er den Leuten, die mal wieder mehr eingekauft haben als sie mit zwei Händen transportieren können, ihre neuerworbenen Schätze zum Auto zu bugsieren und transportfertig zu machen. Eigentlich ist er ein Bettler. Aber eigentlich ja gerade auch wieder nicht, denn er fragt nie nach Geld. Er tritt als charmanter, gut gelaunter, hilfsbereiter junger Mann auf. Er würde auch lächeln, wenn er kein Trinkgeld bekäme. Aber er bekommt immer eins. Und nicht zu knapp. Ich habe ihn beobachtet, und ich schätze, dass sein Stundenlohn klar höher ist als der der Angestellten drinnen im IKEA. Er hat Probleme in Chancen umgewandelt.

 

 

Wir müssen also die Weltanschauung bezüglich unserer Probleme ändern?

Ja, die gefährlichste aller Weltanschauungen ist ja die Weltanschauung der Leute, die die Welt nicht angeschaut haben. Als ich die Firmen meiner Eltern übernahm, gab es eine Herausforderung. Es fiel mir schwer, mit den damals knapp 30 Mitarbeiterinnen umzugehen. Nach meinem Betriebswirtschaftsstudium hatte ich zwar viel über Break-Even-Points und Return on Investments gelernt, jedoch keine Ahnung, was ich mit knapp 30 weiblichen Mitarbeiterinnen tun sollte, insbesondere dann, wenn die mit Migräne oder anderen mir unbekannten Problemen auf mich zukamen. So ging ich in einen Kommunikationskurs, um zu lernen, was neben der Betriebswirtschaft noch für eine Unternehmensführung wichtig ist. Dort wurde mir wieder klar, welche Probleme andere Menschen hatten, mit den Mitarbeitern umzugehen, so dass ich von da an parallel nicht nur als Unternehmer mit schlussendlich 100 Mitarbeitern, sondern gleichzeitig auch als Trainer für Persönlichkeitsentwicklung einiges bewegen durfte.

 

 

 

Später durfte ich feststellen, dass es Zeitungsverlagen schwer fällt, eine Leserblattbindung zu generieren. Daher gründeten wir die Firma Unternehmen Erfolg www.unternehmen-erfolg.de, die wiederum Marktführer darin wurde, Vortragsveranstaltungen in 42 Städten für Verlage durchzuführen.

 

 

Der Markt der Redner war wiederum durch Intransparenz geprägt, also gründeten wir das Deutsche Rednerlexikon und erkannten, dass es nicht nur darum ging, die Informationen über Redner in Lexika abzudrucken, sondern die Redner auch zu vermitteln und somit gründeten eine Redneragentur Vortragsimpulse, http://www.unternehmen-erfolg.de/vi/index.php. Hier können Sie sich aus über 1.000 Rednern die besten aussuchen. Doch ein Problem zieht das nächste nach sich. Redner brauchen Räume, Hotels oder Veranstaltungsorte, also ist das Deutsche Hotellexikon nicht weit um auch dieses Problem zu lösen. Sie wissen, worauf ich hinaus will. Jedes Problem ist in Wirklichkeit eine Chance. Die Lösung ergibt aber gleichzeitig wieder neue Probleme, die dann wieder gelöst werden sollen, sowohl im Kleinen als auch im Großen.

 

 

Die Besonderheit dabei liegt nicht darin, die Chancen zu sehen, sondern die Probleme zu sehen. Und die Probleme sehen wir dann gut, wenn wir die Umstände nicht so annehmen, wie sie sind.

 

Wie sollten wir dann mit den Umständen umgehen?

Vor kurzem organisierten zwei meiner Mitarbeiterinnen eine Tagung. Bestens vorbereitet von A bis Z mit allen möglichen detailliert ausgearbeiteten Möglichkeiten. Von der Begrüßungsmappe bis hin zum Fläschchen Wasser für die Heimreise inklusive Gummibären und sonstigen Annehmlichkeiten war alles organisiert. Ich durfte selbst für die Anwesenden ein kleinen Vortrag halten und fragte vor der Veranstaltung meine Mitarbeiter, warum dieser Tisch hier im Raum sei? Warum ist dieser Fernseher im Raum? Was wollt Ihr an dem Fernseher zeigen? Was wollt Ihr an dem Tisch demonstrieren und warum ist da hinten dieser Aufbau? Die Antwort meiner Mitarbeiter: „Der stand vorher schon

 

da.“ Ich fragte daraufhin: „Braucht Ihr denn diesen Fernseher?“ Sie verneinten diese Frage. Also räumten wir die unnötigen Dinge raus und hatten plötzlich wesentlich mehr Platz, in dem eh schon beengten Raum. Sie hatten die Fähigkeit, sich den Dingen gut anzupassen. Einerseits sehr wichtig, aber ganz häufig nehmen wir die Umstände einfach nur so hin wie sie sind, obwohl wir sie ändern könnten.

 

„Das war schon so.“, „Das war schon immer so.“, „Das haben wir schon immer so gemacht.“, „Das wurde uns orgegeben.“, das sind die Aussagen, die wir dann hören. Wir sind zu wenig Rebell, um uns gegen die Dinge, die uns

vorgegeben werden, zu wehren. Genauso ist unser Leben. Wir nehmen die Umstände wie sie sind, wir nehmen den Tagungsraum wie er ist. So ist unser Leben. Statt im Tagungsraum stehen wir nur im Lebensraum und nehmen zu häufig den Lebensraum so wie er ist, als ihn so zu gestalten, wie er für unsere Bedürfnisse sein sollte.