Über den Sinn von Narben

Als 5-jähriger fand Jay in den 20er-Jahren seinen Vater tot im Bad. Er hatte sich selbst das Leben genommen. In der finanziellen Not begann die Mutter Hutkrempen im Akkord anzunähen, für 2 Cent pro Stück, 18 Stunden täglich, 7 Tage die Woche. So wurde Jay von einem irischen Hausmädchen großgezogen – bis die Mutter Jahre später eine Zweckehe einging. Der Anfang der Ehe war der gleichzeitige Rauswurf des Hausmädchens. Diese war bis zu diesem Zeitpunkt die einzige Person, zu der Jay eine Beziehung aufgebaut hatte. Er wurde sonst nie in den Arm genommen, nie geküsst, nie genknuddelt, nie geliebt. Nur geschimpft, wenn er die Milch für 5 Cent statt für 4 Cent gekauft hatte.

Mit 9 Jahren, erkrankte er an einer Mandelentzündung und sah zum ersten Mal einen Arzt und damit zum ersten Mal einen Mann mit Krawatte. Damals beschloss Jay selbst einmal Arzt zu werden.

Und so kam es: Jay wurde Arzt in der Leukämie-Abteilung für Kinder. Leukämie bedeutete damals, dass die Kinder aus allen Körperöffnungen bluteten: Blut kam in den Stuhl, war im Urin, kam aus den Ohren, aus der Nase, aus der Haut und es gab dazu noch die inneren Blutungen. Die Schwestern kamen morgens in weiß gekleidet ins Krankenhaus und gingen abends blutrot nach Hause. 90 % aller Kinder waren nach 6 Wochen tot. Die Einlieferung ins Krankenhaus verbunden mit der Feststellung der Leukämie kam einem Todesurteil gleich. Die Ärzte waren am Ende. Nur Jay Freireich nicht, denn als Mensch, der nie das Gefühl des Geliebt Werdens erleben durfte, war nicht in der Lage Empathie zu zeigen. Er arbeitete zwar wie besessen aber er ging nie zu den traurigen oder trauernden Eltern, hatte diesen nie Gefühle entgegengebracht, sie unterstützt, getröstet oder gar verstanden. Die würdevolle Behandlung durch einen Arzt setzt jedoch – zumindest in der Abteilung für Kinder ein wenig Empathie voraus, die Jay jedoch nie geben konnte. Er, der es gewohnt war, dass jede Beziehung im Tod oder im Verlassen werden endete. Das hatte er als Kind eindrücklich gelernt.

Leukämie war die reinste Hölle, denn in den damals herkömmlichen Bluttransfusionen mit Stahlnadeln und Gummischläuchen aus Glasflaschen blieben die Blutplättchen hängen, die man so dringend brauchte, um die Blutungen zu stoppen. Man benötigte dickere Schläuche, doch diese Schläuche und Nadeln waren für die Kinder viel zu groß, so dick als würde man einen Feuerwehrschlauch zum Blumengießen verwenden und sie waren damit für die Kinder ein vorprogrammierter Herzinfarkt. Die Ärzte wollten Jay diese Methode verbieten. Ihm war das egal, die Kinder starben doch so oder so – ob an Leukämie oder an einem möglichen Herzinfarkt. Aufgrund seiner gefühlslosen Behandlungsmethode konnten dann tatsächlich Blutungen gestoppt werden und weitere Behandlungen mit Chemiecocktailexperimenten beginnen. So hat er – gerade weil er so gefühls- und empathielos war – ein Wunder vollbracht und die entscheidenden Weichen gestellt, dass die damals 90prozentige Todesgefahr heute in eine 90 prozentige Überlebenschance gewandelt wurde. Wäre das alles möglich gewesen, wenn er die seelischen Narben in seiner Kindheit nicht erlebt hätte? Wahrlich kaum. Manchmal müssen wir Menschen wohl Dinge ertragen, die wir kaum tragen und kaum ertragen können und die uns häufig als so sinnlos erscheinen. Die vielen Prüfungen, die Jay ertragen musste, halfen ihm jedoch Großartiges zu vollbringen. Manchmal dauert es Jahre, Jahrzehnte oder fast ein ganzes Leben, um erfahren zu dürfen, warum wir manches Leid erleben mussten und welchen Sinn wir daraus ziehen dürfen oder – wie im Leben von Dr. Jay Freireich – wie sehr wir damit der Menschheit helfen können, die Welt ein wenig besser zu verlassen als wir sie vorgefunden haben.