Betteln für Profis

Ich habe das Gefühl, wir Menschen rutschen im Moment mehr zufällig als gewollt in eine neue Ära der Menschlichkeit hinein. Vielleicht liegt es daran, dass seit kurzem die Mehrheit der Menschen nicht mehr ums nackte Überleben kämpfen muss. Noch vor 50 Jahren lebten zwei Drittel der Menschen, nämlich alle, die nicht in den Industrieländern lebten, in bitterer Armut von weniger als einem Dollar pro Tag.

Heute, und das ist glücklicherweise ein Segen des als unmenschlich verschrienen Kapitalismus beziehungsweise der freien Marktwirtschaft, heute lebt nur noch etwa ein Siebtel der Menschheit von weniger als einem Dollar pro Tag, und das obwohl es seit damals vier Milliarden Menschen mehr gibt auf der Welt. Die meisten Menschen sind der Armutsfalle entronnen, haben Arbeit und können ihre Familie mit durchschnittlich zwei Kindern selbst ernähren. Nur noch das unterste Siebtel ist auf Hilfe angewiesen und deren Familien haben im Durchschnitt fünf Kinder. Wir sind also gerade auf dem besten Weg, die Armut und gleichzeitig die Überbevölkerung in den Griff zu bekommen.

Und das gibt uns den Raum, um erstmals in der Geschichte der Menschheit die Sinnfrage zu stellen. Was der Mensch für die Menschen und zur Menschheit beiträgt, was den Menschen menschlich macht – diese Frage ist neu. Wir leben in der Dekade der Menschlichkeit. Und nun beschäftigen wir uns damit, zu überlegen, was das denn überhaupt ist und wie das denn geht, das Menschlichsein.

Ja, wie geht denn das?

Ein ernst zu nehmender Gedanke dabei ist ein Satz, den Jesus von Nazareth gesagt hat. Er wäre fast verloren gegangen, denn in den vier Evangelien ist er nicht enthalten. Dafür hat ihn der Apostel Paulus aufgeschnappt und in einer seiner Predigten zitiert. Er wurde protokolliert und fand Eingang in die Apostelgeschichte, die bis heute gelesen wird. Luther übersetzte ihn dann so: »Geben ist seliger denn Nehmen.« Das ist sehr schön formuliert. In heutiger Sprache würde er etwa so lauten: »Leuten was zu geben, ist viel cooler als nur was zu bekommen.« Oder noch besser: »Wahre Hilfe ist es nicht, den Reichtum zu teilen, sondern den Menschen ihren eigenen Reichtum zu zeigen.«

Aber stimmt das denn auch?

Ich war mal im Augustinerbräu in der Landsbergerstraße in München. Das ist diese historische Schänke, wo die Tische und Bänke aus Holzbrettern bestehen, die quer über alte Bierfässer gelegt wurden. Dort ein Bier zu trinken macht Freude und ich war bester Laune. Da sah ich ein etwa zehnjähriges Mädchen, das unschlüssig vor der Theke stand. Ich fragte die Kleine, ob ich ihr helfen kann und ob sie was braucht. Na klar, ein Eis wollte sie und strahlte mich aus großen Mädchenaugen an, doch 50 Cent fehlten ihr dazu. Ich gab ihr kurzerhand das fehlende Geldstück, ohne über Jesus oder Paulus nachzudenken, und wartete mit ihr an der Theke, bis sie die Bestellung aufgegeben hatte.

Doch die Quittung kam schon kurze Zeit später. Ich schaute mich um und bekam ein unangenehmes Gefühl. Nicht, dass das irgendwer mitbekommt und meint, ich wär ein Pädophiler! Immerhin kannte ich das Mädchen ja gar nicht. Darf man einem fremden Kind ein Eis ausgeben? Oh weia! Und dann kam kurz darauf ein Mann zu mir und gab mir wortlos die 50 Cent, die ich dem Mädchen gegeben hatte. Es war der Vater, jemand aus Südeuropa, der sich offenbar schämte und aus Stolz die kleine Spende nicht annehmen konnte. Oder was weiß ich, welche Regel ich damit in seiner Kultur übertreten hatte. Vielleicht gilt es dort ja als Heiratsantrag oder sowas, wenn man einem Mädchen ein Eis spendiert. Was war mir das peinlich! Was man so alles beachten muss, wenn man gibt. Mir ging das weiter im Kopf herum: Was, wenn das Mädchen gar keinen Zucker essen durfte? Was, wenn die Eltern beschlossen hatten, dass ihre Tochter heute kein Eis bekommt, weil sie ungezogen gewesen war? Was, wenn die Situation gestellt gewesen wäre und jemand mich mit versteckter Kamera aufgenommen hätte?

Mir wurde klar: Wenn du gibst, gehst du Risiken ein.

Ich kam mir vor wie Klitschko und Rambo in einem, während ich im Innern den Kampf um die Menschlichkeit kämpfte. Man muss doch geben dürfen! Das ist doch unsere Pflicht. Und wenn es nur 10 Cent sind. Das tut doch keinem weh. Die Geste zählt. Das ist doch nur menschenwürdig. So ging es in meinem Kopf herum.
Doch die Menschlichkeit wird ausgetrickst. Zum Beispiel wenn Bettlerinnen mit einem Baby im Arm und der ausgestreckten leeren Hand auf Sie zukommen und Sie flehentlich ansehen – und Sie später merken, dass das Baby gar kein Baby, sondern eine Puppe war. Ja, das habe ich schon erlebt. Da wird die Menschlichkeit ausgenutzt wie eine Schwäche. Aber ist Menschlichkeit wirklich eine Schwäche? Macht sie uns verwundbar? Wären wir vielleicht viel menschlicher, wenn wir nicht laufend ausgetrickst werden würden?